Er liegt auf seinem Platz. Er bellt nicht. Er springt nicht an. Er wartet, bis er gerufen wird, frisst ordentlich aus seinem Napf und lässt sich problemlos anleinen. Für viele Menschen ist das das Bild eines gut erzogenen, glücklichen Hundes.
Aber was, wenn genau diese Stille das Problem ist?
Was, wenn ein Hund, der nichts tut, nichts zeigt, nichts fordert, nicht in erster Linie ein ausgeglichener Hund ist, sondern ein Hund, dem die Möglichkeit fehlt, überhaupt Hund zu sein?
Diese Frage beschäftigt mich seit ich auf eine Studie gestoßen bin, die auf den ersten Blick mit Zootieren zu tun hat und auf den zweiten Blick sehr viel über unsere Hunde sagt.
Was die Forschung sagt: Verhaltensvielfalt als Zeichen von Wohlbefinden
Miller et al. haben in ihrer Arbeit "Behavioral Diversity as a Potential Indicator of Positive Animal Welfare" einen Zusammenhang untersucht, der intuitiv einleuchtet, aber selten so klar benannt wird: Tiere, die ein breites Spektrum an Verhaltensweisen zeigen, befinden sich in der Regel in einem besseren Zustand als Tiere, deren Verhalten eingeschränkt, repetitiv oder arm ist.
Verhaltensvielfalt bedeutet dabei nicht Chaos oder Unberechenbarkeit. Es bedeutet, dass ein Tier exploriert, sozial interagiert, spielt, ruht, kommuniziert, Entscheidungen trifft und auf seine Umwelt reagiert, und zwar auf eine Weise, die seinem natürlichen Repertoire entspricht. Wenn ein Tier dieses Repertoire auslebt, ist das ein Zeichen dafür, dass seine Umgebung und seine Lebensumstände es zulassen. Dass es sich sicher genug fühlt, um präsent zu sein.
Umgekehrt gilt: Verhaltensarmut ist ein Warnsignal. Tiere, die immer wieder dieselben Bewegungen ausführen, kaum explorieren, kaum kommunizieren oder in einem Zustand anhaltender Passivität verharren, zeigen uns damit etwas. Nicht, dass sie zufrieden sind. Sondern dass etwas fehlt.
Was das mit unseren Hunden zu tun hat
Jetzt kehren wir zurück zu dem ruhigen Hund auf seinem Platz.
Hundetraining und Hundehaltung in westlichen Gesellschaften sind in weiten Teilen auf eines ausgerichtet: Verhaltensreduktion. Der Hund soll nicht springen. Nicht ziehen. Nicht bellen. Nicht buddeln. Nicht schnüffeln, wenn wir weitergehen wollen. Nicht auf Artgenossen reagieren. Nicht um Aufmerksamkeit bitten. Nicht, nicht, nicht.
Das klingt zunächst nach vernünftiger Erziehung. Und ja, es gibt Verhaltensweisen, die im Zusammenleben mit Menschen tatsächlich nicht funktionieren. Aber die Frage, die ich mir immer häufiger stelle, lautet: Haben wir dabei das Verhaltensrepertoire unserer Hunde insgesamt so stark eingeschränkt, dass wir ihr Wohlbefinden systematisch untergraben?
Ein Hund, der acht Stunden allein in der Wohnung wartet. Der beim Spaziergang nicht schnüffeln darf, weil der Mensch Tempo macht. Der auf dem Sofa nichts zeigen soll, weder Erregung noch Bedürfnis noch Initiative. Der beim Begegnen anderer Hunde zurückgehalten wird, bevor er auch nur kommunizieren konnte. Der beim Training Verhalten abruft, aber nie selbst entscheidet.
Was zeigt dieser Hund? Vielleicht wenig. Vielleicht ist er still. Vielleicht wirkt er brav.
Aber Stille ist nicht dasselbe wie Wohlbefinden.
Verhaltensarmut als stilles Signal
In der Verhaltensforschung wird Verhaltensarmut schon lange als Stresssignal anerkannt. Stereotypien, also sich wiederholende, scheinbar sinnlose Bewegungen, gelten als Zeichen chronischer Belastung. Apathie, Rückzug und das Ausbleiben artgemäßer Verhaltensweisen sind bekannte Anzeichen dafür, dass ein Tier in seiner Umwelt nicht das findet, was es braucht.
Bei Hunden sehen diese Signale manchmal unscheinbar aus. Der Hund, der stundenlang döst und kaum Initiative zeigt. Der Hund, der beim Spaziergang gleichgültig wirkt. Der Hund, der im Training funktioniert, aber nie wirklich lebendig wirkt. Manchmal werden diese Hunde als "pflegeleicht" oder "unkompliziert" bezeichnet. Manchmal steckt dahinter aber schlicht ein Nervensystem, das gelernt hat, sich zu schützen, indem es sich zurückzieht.
Das Gegenteil, also ein Hund, der neugierig schnüffelt, kommuniziert, spielt, Grenzen zeigt, Kontakt sucht, Entscheidungen trifft, ist kein unerzogener Hund. Es ist ein Hund, dem es gut genug geht, um präsent zu sein.
Verhaltensvielfalt braucht Spielraum
Wer den vorherigen Artikel in diesem Blog gelesen hat, in dem es um die Angst vor dem Hund als eigenständigem Wesen geht, wird hier eine Verbindung erkennen. Denn Verhaltensvielfalt ist ohne Autonomie nicht denkbar.
Ein Hund, dem nie Wahlmöglichkeiten gegeben werden, kann kein breites Verhaltensrepertoire entwickeln und zeigen. Ein Hund, dessen Initiativen konsequent ignoriert oder unterbunden werden, lernt, keine Initiativen mehr zu ergreifen. Ein Hund, der in einer Umgebung lebt, die ihm keine echte Sicherheit bietet, wird sein Nervensystem nicht in einen Zustand bringen, in dem Exploration, Spiel und soziale Kommunikation überhaupt möglich sind.
Sicherheit ist die Grundlage. Darauf aufbauend entsteht Verhaltensvielfalt. Und Verhaltensvielfalt ist, so zeigt es die Forschung, ein Zeichen dafür, dass es einem Tier gut geht.
Das bedeutet konkret: Schnüffeln lassen ist kein Kontrollverlust, es ist Wohlbefindenspflege. Dem Hund erlauben, das Tempo zu bestimmen, ist kein Nachgeben, es ist Respekt vor seinem Nervensystem. Kommunikation zulassen, auch wenn sie unbequem ist, ist keine Schwäche, sondern die Grundlage für eine echte Beziehung.
Eine Einladung zum Hinsehen
Ich möchte mit diesem Artikel niemandem ein schlechtes Gewissen machen. Die meisten Menschen, die mit mir arbeiten, lieben ihre Hunde tief und aufrichtig. Und viele der Einschränkungen, die wir unseren Hunden auferlegen, entstehen nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus echtem Bemühen, das Zusammenleben zu gestalten.
Aber ich glaube, es lohnt sich, die Frage zu stellen: Was zeigt mein Hund gerade? Und was zeigt er nicht, obwohl er es zeigen könnte, wenn die Bedingungen anders wären?
Ein Hund, der viel zeigt, der neugierig ist, kommuniziert, spielt, fordert, ruht und wieder aktiv wird, ist kein problematischer Hund. Er ist ein Hund, dessen Wohlbefinden sichtbar wird.
Und das ist genau das, wofür ich arbeite.
Quellenhinweis
Miller, L. J., Vicino, G. A., Sheftel, J., & Lauderdale, L. K. (2023). Correction: Miller et al. Behavioral Diversity as a Potential Indicator of Positive Animal Welfare. Animals 2020, 10, 1211. Animals, 13(12), 1904. https://doi.org/10.3390/ani13121904