Weder noch. Die Mythen rund um sogenannte Kampfhunde halten sich dennoch hartnäckig: von angeblicher Beißkraft eines weißen Hais inklusive „Kiefersperre“, über den vermeintlichen Blutrausch, bis hin zu doppelt so vielen Zähnen wie andere Hunderassen. Diese Behauptungen sind vielfach widerlegt und doch nicht totzukriegen – in jeder Diskussion um Listenhunde flammen sie wieder auf und werden unbeirrbar von Medien, Politik und vielen Menschen verbreitet. Auf der anderen Seite betont eine Verniedlichungsfraktion, wie lammfromm und unschuldig diese Hunde seien. Ein differenzierter Blick auf Zuchtgeschichte, Verwendungszweck und aktuelle Forschung zeigt ein deutlich komplexeres Bild.
Damals: Entstehung und Nutzung bullartiger Hunde
Molossoide Hunde gehören zu den ältesten Hundetypen der Welt. Auf Felsmalereien um 7.000 Jahre v. Chr. sind große, muskulöse Hunde in Jagdszenen zu erkennen, und historische Quellen belegen den Einsatz solcher Hunde in Kriegen, etwa in Darstellungen aus der Zeit Tutenchamuns um 1.300 v. Chr. oder Überlieferungen aus den Perserkriegen und von Attila, dem Hunnenkönig (ca. 450 v. Chr.).
Im antiken Rom wurden diese Hunde, deren Ursprung vermutlich in ostasiatischen Regionen liegt, sowohl im Krieg als auch zur Unterhaltung in Arenen eingesetzt, wo sie gegen Großwild wie Löwen, Tiger, Elefanten und Bären kämpfen mussten.
Vom Mittelalter bis in die Neuzeit wurden Molosser vor allem zur Jagd auf wehrhaftes Großwild wie Wildschweine, Bullen oder Bären genutzt und dienten als Hof- und Wachhunde. In England entstanden im gleichen Zeitraum Schaukämpfe, in denen Hunde gegen Bären oder Bullen eingesetzt wurden.
Die ersten Bulldoggen entstanden wahrscheinlich Anfang des 17. Jahrhunderts in England, wo man glaubte, dass das Fleisch eines Bullen zarter sei, wenn er zuvor von Hunden gehetzt worden war. Als öffentliche Bullenkämpfe im 18. Jahrhundert zunehmend abgelehnt und schließlich verboten wurden, traten illegale Kämpfe mit kleineren wehrhaften Tieren (Ratten, Dachsen, Hähnen und anderen Hunden) an deren Stelle. Bulldoggen erwiesen sich hier als zu schwerfällig, sodass leichtere, schnellere Terrier eingekreuzt wurden – dies bildete die Grundlage für die heutigen bullartigen Terrier.
Die Zuchtziele dieser „Bull and Terrier“-Hunde waren vor allem Gameness (Arbeitsbereitschaft trotz Widerstand) und Athletik. Überraschend zeigten sich zudem hohe Intelligenz und starke Loyalität gegenüber Menschen. Hunde, die sich im Ring problemlos von Menschen handeln ließen, waren erfolgreicher und wurden bevorzugt zur Zucht eingesetzt. Da diese Hunde meist in engen Wohnverhältnissen in ärmeren Stadtvierteln lebten, war Aggression gegen Menschen unerwünscht und wurde konsequent sanktioniert – häufig durch Tötung des Hundes. Dies trug zum Ruf als besonders menschenfreundliche, kinder- und frustationstolerante Hunde bei; die oft zitierte Bezeichnung als „nanny dog“ ist historisch allerdings eher mythisch überhöht, während die zugrunde liegende Menschfreundlichkeit trotzdem gut belegt ist.
Wesentlich ist: Aus der Jagdverhaltenskette wurde gezielt die „Beißen-und-Festhalten“-Sequenz selektiert – emotionsloses, funktionales Festhalten unter spezifischen Bedingungen – während gleichzeitig hohe Kooperationsbereitschaft mit Menschen gefördert wurde.
Aus den „Bull and Terrier“-Hunden entwickelten sich in England etwa zeitgleich der Bullterrier und der Staffordshire Bull Terrier. Ende des 19. Jahrhunderts wanderten viele dieser Hunde mit ihren Menschen in die USA aus, wo sie neben Hundekämpfen zunehmend als Hof- und Wachhunde, zur Vertreibung von Wildtieren und beim Bewegen von Viehherden eingesetzt wurden. Um diese Aufgaben besser zu erfüllen, wurden sie größer gezüchtet – der Vorläufer des American Pit Bull Terrier entstand.
In den USA lebten diese Hunde oft eng mit ihren Familien und in größerer Entfernung zu anderen Siedlungen, was ihre starke Anhänglichkeit und Nähe zu Menschen förderte. American Pit Bull Terrier zählen bis heute zu den beliebtesten Familienhunden in den USA; historische Beispiele wie Sergeant Stubby oder die Pitbull-Hündin Sallie in Gettysburg zeigen ihre Rolle als eng eingebundene Familien- und Arbeitshunde.
Pitbull-artige Hunde waren lange ein heterogener, nicht normierter Typ mit großer Bandbreite körperlicher und charakterlicher Eigenschaften. Erst im 20. Jahrhundert wurden zwei Rassestandards etabliert: American Pit Bull Terrier (APBT) und American Staffordshire Terrier (AST). Die Standards sind nahezu identisch, Unterschiede lagen vor allem in den Zuchtverbänden (UKC vs. AKC) und der Abgrenzung zu Hundekämpfen. Beide Rassen wurden in der Zuchtgeschichte immer wieder miteinander vermischt, sodass eine klare Trennung kaum möglich ist; einzelne Hunde sind bis heute bei beiden Kennel Clubs registriert – als APBT oder als AST.
Heute: Nutzung, Eigenschaften und Erregungs-Aggressions-Kontinuum
Heute werden APBT und AST in einer Vielzahl von Hundesportarten geführt; der UKC listet unter anderem Agility, Weit- und Hochsprung, Obedience und Gewichtsziehen. Hundekämpfe sind in der Moderne eine kriminelle Randerscheinung, von der nicht nur bullartige Terrier, sondern auch andere Hundetypen (z. B. asiatische Wach- und Kampfhundrassen wie Shar Pei, Akita, Tosa Inu) betroffen sind.
Bullartige Terrier und Bulldoggen zählen weltweit zu den beliebten Hunderassen. Sie werden für Eigenschaften wie Sensibilität, Anhänglichkeit, Unbeschwertheit, Freundlichkeit, Humor und hohe Anpassungsfähigkeit im Familienalltag geschätzt. Viele Vertreter dieses Typus sind sehr menschenbezogen, körperkontaktliebend und arbeiten gerne eng mit ihren Bezugspersonen zusammen.
Ihre bevorzugten Aktivitäten umfassen Beschäftigungen, bei denen sie geistige und körperliche Fähigkeiten kreativ und freudig ausleben können und gleichzeitig ihre selektierte „Festhalten“-Sequenz in sichere, kontrollierte, ungefährliche Bahnen gelenkt wird (z. B. Zerrspiele mit klaren Regeln, Nasenarbeit mit kontrolliertem Erregungslevel, strukturierte Sportarten).
Aufgrund ihrer Zuchtgeschichte können bullartige Terrier allerdings zu „Adrenalin-Junkies“ werden: Bei hoher Erregungslage entwickeln sie einen sehr fokussierten, schwer unterbrechbaren Handlungsmodus, in dem genetisch fixierte Verhaltensketten aktiviert werden. In der Erziehung ist es daher essenziell, an Impulskontrolle, Konfliktlösungs- und Entscheidungskompetenz zu arbeiten und sie in ihrer Fähigkeit zu unterstützen, Erregung im „grünen Bereich“ zu halten oder aktiv wieder zu senken.
Viele Vertreter beginnen Konflikte nicht selbst, scheuen aber nicht davor zurück, sich in wahrgenommene Konflikte zu stürzen. Ein vorausschauendes Umwelt- und Sozialmanagement auf Seiten der Halter:innen ist daher entscheidend, um Eskalationen zu verhindern und bullartige Terrier im entspannten, positiven Gefühlszustand zu halten.
Ihre „Alles-oder-nichts“-Mentalität zeigt sich auch in Beziehungen zu Menschen: das Bedürfnis nach engem Körperkontakt, intensiven Zuneigungsgesten und gleichzeitig hohe Sensibilität gegenüber Zurückweisung und grobem Umgang.
Zukunft: Verantwortung, Gesetzgebung und wissenschaftlicher Stand
Eine kleine Zahl problematischer Fälle wirft häufig ein verzerrtes Licht auf ganze Gruppen – das gilt für Hundehalter:innen ebenso wie für bestimmte Autofahrer:innen. Aufgabe der Gemeinschaft ist es, hier zu differenzieren: Hunde sind fühlende Lebewesen mit individuellen Verhaltensmustern und Bedürfnissen, kein Accessoire und kein Statussymbol.
Seit der Corona-Pandemie zeigt sich eine Zunahme unreflektierter Hundehaltung: Für ein neues Smartphone wird oft mehr recherchiert als für die Anschaffung eines Hundes. Billigmentalität („je günstiger, desto besser“), schlecht gezüchtete und mangelhaft sozialisierte Tiere aus dem Ausland oder von Vermehrer:innen, fehlende Zeit für Training, Sozialisierung und Auslastung sowie Überforderung führen zu Verhaltensauffälligkeiten und letztlich zu überlasteten Tierheimen.
Solange Hunde primär nach Optik, Trendrasse oder vermeintlicher „Härte“ ausgewählt werden, bleibt das Problem bestehen. Eine wirkungsvolle Lösung muss bei der Quelle ansetzen:
Regulierung des Imports von Hunden aus dem Ausland und strengere Kontrollen unseriöser Organisationen,
klare Regeln und Kontrollen für Zucht,
verpflichtende, fachlich aktuelle Grundausbildung für (Neu-)Hundehalter:innen,
klare Standards und Regulierung des Hundetrainer:innen-Berufs,
stichprobenartige Kontrollen durch Amtstierärzt:innen und Behörden in Gebieten mit hoher Hundedichte.
Die „Nieder mit den Kampfbestien“-Rufer:innen liegen ebenso daneben wie die „Kampfkuschler“-Fraktion. Aggression ist ein Verhalten, keine Persönlichkeitsdimension, und daher nicht direkt züchterisch selektierbar. Selektierbar sind Eigenschaften wie Erregbarkeit, Freundlichkeit, Kooperationsbereitschaft, Trainierbarkeit und Angstneigung.
In einer großen Studie mit über 9.000 Hunden wurden als Faktoren, die Aggression wahrscheinlicher machen, unter anderem Alter, männliches Geschlecht und Ängstlichkeit identifiziert; Rasse spielte eine untergeordnete Rolle. Zu den Rassen mit höherer Aggressionshäufigkeit gehörten dort Langhaarcollie, Zwergpudel, Zwergschnauzer und Deutscher Schäferhund; die erste Listenhund-Rasse tauchte erst deutlich später in der Liste auf. Mehrere aktuelle Studien aus der Verhaltensgenetik und Kynologie kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass Rassezugehörigkeit allein kein verlässlicher Indikator für spezifische Verhaltensweisen ist. Jeder Hund ist – unabhängig von seiner Rasse – ein Individuum.
Hinzu kommt: Einige bullige Hunde sind inzwischen so extrem übertypisiert (sehr breit, sehr kurz, Sonderfarben), dass chronische Schmerzen im Bewegungsapparat, Allergien, Hautkrankheiten und Unverträglichkeiten häufig auftreten. Bleiben diese Beschwerden unbemerkt und unbehandelt, beeinflusst dies direkt Verhalten, Frustrationstoleranz und Impulskontrolle. Werden solche Hunde zudem nicht bedürfnisgerecht gehalten, bewegt, beschäftigt und ausgelastet, können Verhaltensauffälligkeiten entstehen, die von vielen Menschen zu spät erkannt und zu wenig ernst genommen werden.
Politisch wäre es scheinbar einfach, einen Hundetyp pauschal zu verbieten. Studien aus verschiedenen Ländern zeigen jedoch, dass problematische Halter:innen bei Rasseverboten schlicht auf andere Rassen oder „Designer-Mixe“ ausweichen (z. B. Kangal, Thai Ridgeback, XXL Bully, Alano). Mehrere wissenschaftliche Arbeiten aus den letzten Jahren belegen, dass Breed-Specific Legislation (BSL) kaum Einfluss auf die Zahl schwerer Bissverletzungen hat. Die Vetmeduni Wien kommt in ihrer Studie zu Hundegesetzgebung zu dem Ergebnis, dass Rasse kein belastbarer Rückschluss auf Gefährlichkeit ist.
Das Vereinigte Königreich hat eine der strengsten Rasselisten Europas, trotzdem steigen die tödlichen Hundebisse seit der Pandemie deutlich an – ein Beispiel dafür, dass Rasselisten Symptome deckeln, aber Ursachen nicht an der Wurzel bearbeiten. Ein Verbot ist damit eher ein Pflaster auf einem komplexen, tiefgreifenden Problem.
Was keinesfalls akzeptabel ist: dass sich ein aufgebrachter Internet-Mob mit Beleidigungen und Drohungen auf unbescholtene Hundehalter:innen und ihre Hunde stürzt, nur aufgrund von Erscheinungsbild oder Rassenzugehörigkeit.
Ein Schlüsselkonzept im Leben mit Listenhunden ist das Erregungs-Aggressions-Kontinuum. Viele Vorfälle, die diesem Hundetyp ihren schlechten Ruf eintragen, entstehen aus hoher Erregungslage in Kombination mit angezüchteten Konfliktlösungsstrategien. Bullartige Terrier und Bulldoggen gehören zu den leicht erregbaren Hundetypen, die schnell „auf 180“ sein können, wenn Umweltreize sie triggern. Neurologisch betrachtet wurde dieser Typ darauf selektiert, irrelevante Reize zu ignorieren, in bestimmten Konfliktsituationen jedoch sehr schnell auf „Fight“ umzuschalten. Bei unpassender Erziehung und schlechtem Handling kann dies zu Eskalationen führen.
Wer diese Hunde liebevoll, stressarm und vorausschauend unter Berücksichtigung ihrer speziellen Neurobiologie erzieht, erhält in bullartigen Terriern außergewöhnlich humorvolle, entspannte, alltagstaugliche und äußerst liebevolle Begleiter.
Bullartige Terrier wurden – wie viele andere Rassen – für ursprüngliche Verwendungszwecke gezüchtet, die heute in dieser Form kaum noch existieren. Genetische Anlagen spielen zwar eine Rolle, doch Sozialisation, Erziehung, Gesundheit und Umweltbedingungen haben einen weit größeren Einfluss darauf, welche Gene tatsächlich ausgedrückt werden, welche Konfliktlösungsstrategien Hunde entwickeln, wie ruhig sie in triggernden Situationen bleiben und welches Verhalten sie zeigen. Diese Verantwortung liegt bei uns Menschen – und ihrer sollten sich alle Hundehalter:innen bewusst sein.
Quellen
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