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Warum wir aufhören sollten, von „Dominanz" zu sprechen. Und woher diese Idee eigentlich kommt

 

Kaum ein Begriff hat das Hundetraining so nachhaltig geprägt wie „Dominanz". Er klingt nach klarer Erklärung, nach einfacher Lösung. Dein Hund zieht an der Leine? Dominant. Er knurrt am Futternapf? Dominant. Er springt aufs Sofa? Dominant.

Aber so einfach ist es nicht. Es war es nie.

Und wenn wir genauer hinschauen, nicht nur auf die Hundewelt, sondern auf die Geschichte dahinter, wird sichtbar: Der Dominanzbegriff ist nicht einfach ein veraltetes Trainingskonzept. Er ist Teil eines viel größeren Denkmusters, das seit Jahrhunderten dazu dient, Machtverhältnisse zu rechtfertigen. Bei Tieren. Und bei Menschen.

Dieser Text ist ein Versuch, beides zusammenzubringen. Weil es zu selten passiert. Und weil es hilft, zu verstehen, warum sich diese Idee so hartnäckig hält.

 

Wie alles begann: Hühner, Wölfe und ein Missverständnis

Die Geschichte beginnt nicht beim Hund, sondern beim Huhn. 1922 beschrieb der norwegische Zoologe Thorleif Schjelderup-Ebbe die sogenannte „Hackordnung" bei Hühnern. Es war ein Beobachtungsmodell für die Reihenfolge, in der Tiere Zugang zu Futter bekamen. Es war eine Beschreibung, kein Naturgesetz. Aber es war eingängig. Und eingängige Ideen verbreiten sich schnell.

In den folgenden Jahrzehnten wurde das Modell auf andere Tierarten übertragen, unter anderem auf Wölfe. Forscher wie Rudolf Schenkel beobachteten Wölfe in Gefangenschaft und beschrieben starre Rangordnungen mit einem „Alpha-Tier" an der Spitze, das sich durch Durchsetzungskraft und Überlegenheit behauptete. Diese Beobachtungen prägten ein Bild, das bis heute in den Köpfen vieler Menschen lebt: Das Bild vom Alpha-Wolf, der sein Rudel mit Stärke und Kontrolle führt.

 

Das Problem: Diese Beobachtungen stammten aus Gehegen, in denen fremde Wölfe zusammengesetzt wurden. Die Bedingungen hatten mit dem natürlichen Leben eines Wolfes nichts zu tun. Freilebende Wolfsrudel sind Familienverbände. Es gibt keine ständigen Kämpfe um Rang. Es gibt Elterntiere, die ihre Jungen aufziehen. Die Struktur ist nicht hierarchisch im militärischen Sinn, sondern familiär.

 

Der Wolfforscher L. David Mech, dessen frühere Arbeiten zur Verbreitung des Alpha-Konzepts beigetragen hatten, hat sich später selbst davon distanziert. Er wies darauf hin, dass die Beobachtungen in Gefangenschaft künstliche Konkurrenzsituationen abbildeten und nicht auf natürliche Rudel übertragbar seien.

Trotzdem war der Alpha-Mythos bereits in der Welt. Und er fand schnell seinen Weg in die Hundeszene.

 

Vom Wolf zum Hund: Ein Analogieschluss, der nicht aufgeht

Die Logik klang bestechend einfach: Hunde stammen vom Wolf ab. Wölfe leben in hierarchischen Rudeln. Also braucht auch der Hund einen „Rudelführer", und das bist du. Daraus folgten Trainingskonzepte, die auf Durchsetzung, Kontrolle und Einschüchterung basierten. Der Hund sollte „seinen Platz kennen". Aversive Methoden wie die sogenannte Alpha-Rolle, Leinenruck oder Rangreduktionsmaßnahmen wurden als logisch und natürlich dargestellt.

Das greift zu kurz. Aus mehreren Gründen.

 

Erstens: Die Übertragung von Wolfverhalten auf Hunde ignoriert Jahrtausende der Domestikation. Hunde haben sich durch das Zusammenleben mit Menschen verändert, in ihrem Sozialverhalten, in ihrer Kommunikation, in ihrer Art, Beziehungen zu gestalten. Ein Hund ist kein Wolf. Er war es nie.

 

Zweitens: Selbst wenn man Wölfe als Referenz heranzieht, stützen die aktuellen Erkenntnisse das Dominanzmodell nicht. Freilebende Wölfe leben in kooperativen Familiengruppen. Was in Gefangenschaftsstudien als „Dominanz" beschrieben wurde, war eine Reaktion auf unnatürliche Lebensbedingungen und nicht Ausdruck eines angeborenen Rangtriebs.

 

Drittens: Dominanz ist kein Persönlichkeitsmerkmal. Ein Hund ist nicht „dominant". Dominanzbeziehungen, wenn man den Begriff überhaupt verwenden will, treten situationsabhängig zwischen Artgenossen auf, sind veränderlich, kontextgebunden und nicht linear. Sie erklären nicht, warum ein Hund an der Leine zieht, auf dem Sofa liegt oder am Futternapf knurrt. Für all das gibt es konkretere, ehrlichere Erklärungen: Aufregung, Unsicherheit, Ressourcenbedürfnis, fehlende Lernerfahrung, Schmerz.

 

Die neuen Verpackungen eines alten Konzepts

Heutzutage wird selten noch offen von „Rangreduktion" gesprochen. Die Begriffe haben sich verändert, die Denkweise dahinter oft nicht. „Raumverwaltung", „körpersprachliche Kommunikation ohne Hilfsmittel wie Leckerchen und Spielzeug", „klare Führung". Hinter solchen Formulierungen stecken häufig dieselben Annahmen: dass der Hund kontrolliert werden muss, dass er Grenzen „testet", dass er Respekt „einfordern" oder Privilegien „verdienen" muss.

 

Die Schönfärberei macht es nicht besser. Im Gegenteil. Sie macht es schwerer zu erkennen, was tatsächlich passiert: Der Hund wird gehemmt, eingeschüchtert, in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Dass es ihm dabei schlecht geht, steht nicht in der Gebrauchsanweisung. Dass daraus Angst, Stress, Verhaltensprobleme und zerstörtes Vertrauen entstehen können, ebenso wenig. Eine sichere Bindung wird so nicht möglich.

 

Warum es wichtig ist, weiter zu schauen: Dominanzdenken als kulturelles Muster

Bis hierher ist die Geschichte vielleicht bekannt. Aber sie geht weiter zurück in die Vergangenheit. Und dieser Teil wird zu selten erzählt.

Die Idee, dass es in der Natur feste Rangordnungen gibt, dass manche Wesen von Natur aus übergeordnet sind und andere untergeordnet, ist nicht nur im Hundetraining wirksam geworden. Sie ist Teil eines viel umfassenderen kulturellen Musters, das Machtverhältnisse naturalisiert. Und dieses Muster hat eine sehr konkrete Geschichte.

 

Im 18. und 19. Jahrhundert, auf dem Höhepunkt des europäischen Kolonialismus, entstanden pseudowissenschaftliche Theorien über sogenannte „Rassen", Zivilisationsgrade und kulturelle Überlegenheit. Die Argumentationslogik war dabei immer dieselbe: Man beobachtete Unterschiede zwischen Kulturen, zwischen Gesellschaften, zwischen Lebewesen und leitete daraus eine natürliche Rangordnung ab. Wer oben stand, hatte das Recht (oder sogar die Pflicht), über die anderen zu bestimmen.

 

Diese Narrative kombinierten Ethnologie, Biologie und Moralrhetorik. Sie sprachen von einer „zivilisatorischen Mission", von „Fortschritt" und „Modernisierung". Hinter den moralischen Vokabeln standen handfeste ökonomische Interessen: Rohstoffe, Arbeitskräfte, Märkte. Aber die Erzählung von der natürlichen Überlegenheit machte die Gewalt dahinter unsichtbar. Sie verwandelte Ausbeutung in Erziehung. Unterwerfung in Fürsorge.

Das ist kein Exkurs. Das ist der Kern.

 

Denn die Struktur ist dieselbe: Eine vermeintliche „natürliche Ordnung" wird herangezogen, um Kontrolle über ein anderes Lebewesen zu legitimieren. Der Verweis auf die Natur, ob auf den Alpha-Wolf oder auf angebliche Zivilisationsgrade, macht aus einer menschlichen Entscheidung ein unausweichliches Gesetz. Und genau das macht dieses Denkmuster so widerstandsfähig. Es fühlt sich nicht wie eine Ideologie an. Es fühlt sich an wie Tatsache.

 

Naturalisierung: Wenn Machtverhältnisse selbstverständlich wirken

Es gibt einen Fachbegriff dafür: Naturalisierung. Er beschreibt den Vorgang, wenn soziale, kulturelle oder politische Verhältnisse so dargestellt werden, als wären sie naturgegeben. Wenn sie so oft wiederholt werden, dass niemand mehr fragt, woher sie kommen. Wenn sie im Schulbuch stehen, in der Alltagssprache auftauchen, in Gesetze einfließen.

 

Im kolonialen Kontext sah das so aus: Ethnographien beschrieben andere Kulturen als „primitiv", Schulbücher lehrten europäische Überlegenheit, Gesetze institutionalisierten Ungleichheit. Diese Wissensproduktion war nicht neutral. Sie diente einem Zweck. Und ihre Spuren reichen bis in die Gegenwart. Sie zeigen sich in rassistischen Vorurteilen, in globalen Machtverhältnissen, in der Art, wie wir über Unterschiede sprechen.

 

Im Hundetraining funktioniert Naturalisierung ähnlich: Der Verweis auf den Wolf macht die Entscheidung für Kontrolle und Einschüchterung „natürlich". Der Hund „braucht" einen starken Führer, so wie es eben „in der Natur" ist. Wer so argumentiert, muss sich nicht fragen, ob das Verhalten des Hundes vielleicht eine ganz andere Ursache hat. Er muss sich auch nicht fragen, ob die gewählte Methode dem Tier schadet. Die Natur hat ja gesprochen.

Das ist bequem. Aber es ist nicht fair.

 

Was das mit dir und deinem Hund zu tun hat

Vielleicht denkst du jetzt: Aber ich bin doch keine Kolonialmacht. Und natürlich nicht. Darum geht es auch nicht.

Es geht darum, ein unsichtbares, aber kulturell immer noch nachwirkendes Denkmuster zu erkennen. Denn dieses Muster wirkt nicht nur in großen historischen Zusammenhängen. Es wirkt auch im Kleinen. Jedes Mal, wenn uns jemand sagt, wir müssten „die Führung übernehmen", damit unser Hund „Respekt" zeigt. Jedes Mal, wenn unerwünschtes Verhalten als „Machtkampf" interpretiert wird, statt als das, was es meistens ist: ein Ausdruck von Unsicherheit, Überforderung, Schmerz oder einfach fehlender Lernerfahrung.

 

Verhalten hat einen Grund. Und dieser Grund ist fast nie „Dominanz".

Ein Hund, der an der Leine pöbelt, kämpft nicht um die Vorherrschaft. Er fühlt sich wahrscheinlich bedroht, unsicher oder so erregt, dass er keine andere Strategie zur Verfügung hat. Ein Hund, der am Futternapf knurrt, verteidigt keine Machtposition. Er verteidigt eine Ressource, die für ihn existenziell wichtig ist. Und vielleicht hat er die Erfahrung gemacht, dass ihm Dinge weggenommen werden. Ein Hund, der auf dem Sofa liegt, macht keine Machtdemonstration. Er liegt bequem.

 

Wenn wir aufhören, solches Verhalten durch die Dominanzbrille zu betrachten, passiert etwas Entscheidendes: Wir fangen an, wirklich hinzuschauen. Wir fragen nicht mehr „Wie setze ich mich durch?", sondern „Was braucht mein Hund gerade?". Das ist der Unterschied zwischen Kontrolle und Beziehung.

 

Was stattdessen hilft

Statt pauschaler Labels hilft es, konkret zu werden. Nicht „mein Hund ist dominant", sondern: In welcher Situation zeigt er dieses Verhalten? Was passiert davor? Wie geht es ihm dabei? Gibt es körperliche Ursachen? Welche Erfahrungen hat er gemacht?

Moderne Verhaltensforschung und lerntheoretisch fundiertes Training bieten Werkzeuge, die ohne Dominanzkonstrukte auskommen. Sie fragen nach Auslösern, nach Emotionen, nach Bedürfnissen. Sie berücksichtigen, dass Hunde, wie alle Lebewesen, auf der Grundlage ihrer Erfahrungen, ihres emotionalen Zustands und ihrer körperlichen Verfassung handeln. Nicht auf der Grundlage eines Rangplatzes in einer erfundenen Hierarchie.

Das bedeutet: Sicherheit statt Einschüchterung. Vorhersehbarkeit statt Willkür. Beziehung statt Kontrolle. Verstehen statt Unterwerfen.

 

Ein Blick, der sich lohnt

Die Geschichte des Dominanzbegriffs zeigt, wie tief alte und veraltete Denkmuster in unserem Umgang mit anderen Lebewesen verankert sind. Sie zeigt auch, dass diese Muster nicht alternativlos sind. Weder bei Hunden noch bei Menschen.

Wer bereit ist, hinzuschauen, auf die Forschungsgeschichte, auf die Ideologien dahinter, auf die eigenen Annahmen, gewinnt etwas: Klarheit. Und die Möglichkeit, eine Beziehung zu gestalten, die auf Verständnis basiert statt auf Macht.

Dein Hund ist kein Problem. Er hat ein Problem. Und du kannst Teil der Lösung sein. Aber nur, wenn du bereit bist, alte Erklärungen loszulassen und genauer hinzuschauen.

 

Quellen und weiterführende Informationen:

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/146975/rechtfertigung-und-legitimation-von-kolonialismus/

 

Mech, L. David (1999): Alpha Status, Dominance, and Division of Labor in Wolf Packs https://digitalcommons.unl.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1343&context=usgsnpwrc

 

Der Kolonialismus und seine Folgen: https://eineweltstadt.berlin/wie-wir-arbeiten/rassismuskritik/kolonialismus-und-seine-folgen/

 

https://www.gemeinsam-mit-afrika.de/rassismus-als-moralische-rechtfertigung-fuer-den-kolonialismus/

 

Cafazzo S, Lazzaroni M, Marshall-Pescini S. Dominance relationships in a family pack of captive arctic wolves (Canis lupus arctos): the influence of competition for food, age and sex. PeerJ. 2016 Nov 22;4:e2707. doi: 10.7717/peerj.2707. PMID: 27904806; PMCID: PMC5126626.